Sieben (1995)

Inhalt:

Die beiden Detektives William Sommerset (Morgan Freeman) und sein junger Partner David Mills (Brad Pit) untersuchen bestialische Morde. Alles deutet auf einen Serienkiller hin, der nach den sieben Todsünden seine Opfer auswählt. Nach einer Reihe von Morden kommt es zur finalen Begegnung mit dem Killer. Und keiner rechnet mit dem Unvorstellbaren was er bereit hält.

Filmisches Feedback:

Düsteres Meisterwerk

Schon seit Beginn des Films werden Charaktere gezeigt, die auf die eine oder andere Art eine psychische Störung haben. Sei es DR.CALIGARI, Peter Lorre in M, zahlreiche (und z.T. auch einfach gestrickte) Figuren aus Grusel- bzw. Horrorfilmen, bis hin in die Neuzeit wie Travis Bickle, John Rambo und natürlich Hannibal Lecter. Ohne Zweifel. Der Mensch ist fasziniert von Charakteren die nicht dem normalen Weltbild entstammen. Die etwas morbides, etwas dunkles an sich haben. Die Dunkelheit der Seele (einer der Grundpfeiler menschlicher Angstzustände) und die Auslösung der düsteren Macht, welche sich in Gewalt (sei es psychischer oder physischer Natur) entlädt, will den Menschen faszinieren.

Das geschieht schon seit Menschengedenken so. Ob es in Märchen passiert (die böse Hexe etc.) oder in mündliche überlieferten Erzählungen: wir wollen uns ängstigen. Wir brauchen die Angst um uns zu spüren. Der Film zeigt nun Charaktere, die diese Angst bündeln in einem Maße, wie es nur der Film kann. Figuren zerstören die heile Welt und bringen das hervor, was uns Angst macht: das wir selber jederzeit den Launen des Bösen ausgesetzt sind. Wir haben keine Chance zu entfliehen, wenn das Böse uns begegnet und seine Pforten in die unmissverständliche Düsternis öffnet. Das Böse steigert sich ins Unermessliche,indem Taten nur andeutungsweise gezeigt werden. Es wird nur das Resultat gezeigt.

Und das macht noch mehr Angst. So geschieht es in diesen düsteren Serienkillerfilm von David Fincher. Die perversen Taten werden nie gezeigt. Nur das, was der Unbekannte erreichen will, wird dem Zuschauer offeriert. Die blutigen Taten spielen sich im Kopf des Zuschauers ab. Und da jeder Mensch über genug Kreativität des Bösen verfügt, gestaltet er sich seine eigenen taten. Der Zuschauer mordet quasi selber. Diese Wirkung kann man nur erreichen, wenn man eine Figur erschafft, die so unsagbar böse daherkommt dass man sie rational nicht erklären kann. Und das ist John Doe. Nie wird erklärt woher er kommt, wer er ist, was er macht. Es werden „nur“ seine perversen Taten gezeigt. Seine Intention wird zum Schluss erklärt, aber sonst nichts weiter.

John Doe ist ein Unbekannter. Ein Reisender der Hölle, der die Menschheit einen ekelhaften Spiegel seines Selbst vorhält. John Doe ist die Büchse Pandoras die nie hätte geöffnet werden sollen. John Doe ist unsere gerechte Strafe für ein sinnentleertes Leben. Kongenial interpretiert von Kevin Spacey, der den Normalo so authentisch spielt wie kaum ein anderer, und seiner Figur eine unterschwellige Boshaftigkeit verleiht, die die Figur nur unerträglicher macht. John Doe, dessen erster Auftritt bis heute bei mir Gänsehaut erzeugt („Detective? Ich hörte sie suchen mich.“), ist unsere Nemesis.

Das will der Film auch transportieren: Den Untergang der menschlichen Zivilisation anhand der normalen Fassade die zu bröckeln beginnt und  ins Perverse umkippt. Ein pessimistisches Bild der Menschheit wird erzeugt. Ist die Welt moralisch-ethisch so gefestigt, dass man sie retten kann/muss? Jeder entscheidet  für sich. John Doe ist unsere Erinnerungsstütze, dass man jeden Tag überlegen sollte, was das Leben wert ist und woran man es sich nicht verschwenden soll, sondern sich nutzbar machen soll.

David Fincher drehte einen pessimistischen, exzellenten Film, der mit den Erwartungen des Zuschauers spielt. Er hat seine Tasten perfekt auf der Klaviatur des Grauens. Er zeigt nichts, was nicht gezeigt werden muss. Nicht nur John Doe ist anders, der ganze Film entzieht sich den Sehgewohnheiten. Allein schon der Abspann der komplett anders verläuft. Der Einsatz des Schnitts, des unheilvollen Tons und der genialen Musik (Howard Shore und mehrere Musiker, u.a. NIN die für den Film, bzw. Trent Reznor, THE SOCIAL NETWORK von Fincher ja den Oscar bekam) dienen den Film den düsteren Ton weiter zu verfolgen. Eine perfekte Mischung aus Bildhaftigkeit und Inhalt.

Finchers zweiter Film (nach den verkannten ALIEN 3 (1993) zeigt ihn bereits auf einen Höhepunkt der 90er Jahre. Selten schaffte es ein Film den Zuschauer so zu schockieren wie dieser. Mit diesem Film schuf Fincher einen Film, der maßgeblich die Filmwelt beeinflusste. Sei es formal oder inhaltlich. Man kann von den Darstellern halten was man will. Man kann nicht zweifeln an der formalen Genialität die hier erschaffen wurde. Dieser Film weckte mein Interesse an Serienmördern und die dementsprechenden Filme. Wenn ein Film etwas bewirkt ist er etwas Besonderes. Und dieser Film bewirkte einiges.