Talk Radio (1988)

Barry Champlain (Eric Bogosian) moderiert in Dallas die nächtliche Sendung Night Talk des Radiosenders KGAB. Die Zuhörer haben die Möglichkeit, in der Radiosendung anzurufen und eigene kurze Beiträge und Statements in den Äther zu geben. Aufgrund der Anonymität fühlen sich die Anrufer sicher und haben keine Hemmungen. Champlain entlarvt auf diese Art die Anrufer, wenn auch ungenannt, teils als dumme, teils als bösartige Menschen, und zerstört damit für alle Zuhörer die Illusion einer heilen Welt, mit – speziell im politisch korrekten Amerika – nichts als netten Menschen. Champlain provoziert gelegentlich seine Anrufer, damit diese ihre Maske der Freundlichkeit fallen lassen und ihre Überzeugungen besser erkennen lassen. Auch die sensationsgeilen und voyeuristischen Zuhörer kommen nicht ungeschoren davon. Dadurch gewinnt er zwar viele Anhänger, macht sich aber auch Feinde, darunter auch Neonazis, welche die Anonymität der Sendung nutzen, um ihre Propaganda zu verbreiten. Champlain scheinen Zweifel zu kommen, ob sein Konzept noch tragbar ist, oder ob es nicht zu weit geht, den Nazis ein Podium zu geben. Letztendlich macht es Champlain jedoch zu großen Spaß, die Beschränktheit der Anrufer zu demonstrieren und sie in Rededuellen vorzuführen. Champlain macht seinen Job mit feuriger Leidenschaft, was aber nicht ohne Folgen bleibt. Die Vorgesetzten sind besorgt und raten Champlain zur Zurückhaltung. Champlain kommt dem aber nicht nach. Er weiß, dass seine Sendung von Sensationen und Skandalen lebt. Zur Vorsicht und Zurückhaltung ermahnt ihn auch seine Ex-Frau Ellen, die um sein Leben fürchtet. Später erhält Champlain eine anonyme Morddrohung, und er ist nicht sicher, ob diese ernst zu nehmen ist. Ihm ist aber auch klar, dass er im Nachteil ist, denn seine Anrufer wissen natürlich, von wo aus er sendet.

Barry sehnt sich nach seiner Ex-Frau und bittet sie, ihn zu besuchen, als seine Sendung nicht nur lokal sondern national gesendet werden soll, und er weckt in ihr wieder alte Gefühle. Sie kommt zu seiner Radio Show, die jedoch aus fadenscheinigen Gründen seiner Vorgesetzten doch nur in Dallas, und nicht landesweit, gesendet wird. Die Show verläuft für Champlain völlig anders als sonst. Im Studio öffnet er einen Drohbrief, in dem ein blutverschmiertes Bild von ihm steckt. Er holt Kent, einen jugendlichen Anrufer, spontan ins Studio und verliert dabei fast die Kontrolle über die Sendung. Das merkt seine Ex-Frau Ellen und lässt sich als Anruferin zu ihm durchstellen. Sie erzählt, dass sie ihn noch liebe, und Barry sagt ihr übers Radio, dass er viele Frauen haben könne, und weist sie ab. Als sie daraufhin das Studio verlässt, kommt er endgültig aus dem Konzept. Barry hält einen Monolog vor seinen Zuhörern und gibt zu, dass er ein schlechter Mensch sei. Er scheint zu der Erkenntnis zu kommen, dass er zwar andere Menschen schnell durchschauen kann, mit sich selbst jedoch nicht im Reinen ist…

Talk Radio ist ein typischer Oliver Stone Film. Wieder beschäftigt sich der Regisseur mit den Abgründen der kaputten amerikanischen Gesellschaft. Wie schon zuvor in Wall Street, aber auch in Platoon und Salvador, bekommt man durch Talk Radio den Eindruck vermittelt, dass der Großteil der Amerikaner selbstsüchtig und egozentrisch ist, und jeder Mitmensch als potentieller Konkurrent betrachtet wird, was ihn aber auch dumm und voreingenommen macht. Der Film lebt geradezu davon, den durch zu viel Medienkonsum verkorksten Durchschnittsamerikaner vorzuführen. Wir sehen ihn nicht in Talk Radio, aber wir hören ihn. Aber genauso bescheuert ist der Moderator Barry Champlain, der durch seine Kaltschnäuzigkeit im ersten Augenblick vielleicht komisch erscheint, aber, wenn man es genauer betrachtet, nicht besser ist als seine Zuhörer.

Im Film wird durch Rückblenden erläutert, wie Barry zum Top-Radiomoderator wurde, und man findet heraus, dass er „nur“ zur rechten Zeit am rechten Ort war und die Gelegenheit hatte, seine provokative Art zur Schau zu stellen. Bevor Barry Moderator wurde, verkaufte er Maßanzüge und war genauso ein erbärmlicher Durchschnittsamerikaner, der genau die selben Probleme hat wie jeder andere auch, und mit denen er sich nun, als Moderator seiner Sendung Night Talk, beschäftigen muss. 

Höhepunkt des Films ist eine knapp vier minütige Szene, die ohne Schnitte auskommt, in der man Eric Bogosian sieht und ins Mikrofon spricht und man den Eindruck hat, dass das ganze Studio, in dem er moderiert, sich um ihn selbst dreht. Dabei hält er einen Monolog, in dem er sich selbst, aber vor allem den Zuhörern, die Schuld an der Misere gibt, die in dem angeblich so tollen Land Amerika herrscht. 

Talk Radio beruht auf der wahren Geschichte des Radiomoderators Alan Berg, der in Denver lebte und am 18. Juni 1984 ermordet wurde. Hauptdasteller Eric Bogosian schrieb das Drehbuch zum Film, was auf seinem eigenen Ein-Mann-Theaterstück basiert. 

Talk Radio kenne ich leider nur aus dem Fernsehen, und wie viele andere Filme auch, die ich bis jetzt hier rezensieren durfte, lief auch dieser Film zu ersten Mal im öffentlich-rechtlichen TV. (Wie viele Leute jetzt wohl die Augen verdrehen? ^^) Daher kenne ich Talk Radio leider nur in der deutschen Synchronfassung. Und das hat sich bis heute leider nicht geändert. :( Der Anlass, warum ich diese kurze Rezension zu Talk Radio schreibe, war eine erneute Ausstrahlung im Fernsehen, die ich durch Zufall entdeckte (wobei ich eigentlich nicht an Zufälle glaube ;) ). Allerdings lief er diesmal im Pay-TV, auf 13th Street. Und nach erneuter Sichtung dachte ich mir, hey, mal sehen, ob es den auf DVD gibt. Und ja, dem ist so. Aber leider ist die DVD-Auswertung von Talk Radio schon out of print, das heißt, man muss schon etwas tiefer in die Tasche greifen um Talk Radio als DVD zu bekommen. Denn natürlich hätte ich gerne Talk Radio mal im Originalton mit deutschen Untertitel gesehen. Beim Sender 13th Street hat man zwar hin und wieder die Möglichkeit, diverse Serien und Spielfilme im Originalton (Zweikanalton) zu sehen, aber wenn man des englischen nicht hundertprozentig mächtig ist, und es bei diesen Sender auch leider keine deutschen Untertitel gibt, die man optional dazuschalten kann, hat das ganze wenig, oder besser gesagt, keinen Sinn. Denn in Talk Radio wird, wie sollte es anders sein, sehr viel geredet. Und so kenne ich Ben Champlain, der hier exzellent von Eric Bogosian gespielt wird, nur mit der deutschen Stimme von Ulrich Gressieker, der hier hervorragende Arbeit geleistet hat. Und es ist auch nicht verwunderlich, dass Ulrich Gressieker für diese Arbeit verpflichtet wurde, war er doch nicht nur Schauspieler und Synchronsprecher, sondern auch noch Radiomoderator und DJ. Leider lebt Ulrich Gressieker nicht mehr. Er hat sich 1990 umgebracht – aus welchen Gründen auch immer. :(


Talk Radio gehört zu Oliver Stones besseren Filmen, denn ich finde, dass dieser Mann in den letzten Jahren sehr stark nachgelassen hat, was sein filmisches Schaffen betrifft. Man merkt in Talk Radio, dass es dem Regisseur – aber auch Autor Eric Bogosian – wichtig war, mit Barry Champlains provokativen Äußerungen so richtig auf die Scheiße zu hauen und den Zuschauer emotional durcheinander zu bringen und vielleicht sogar zu beleidigen – je nach Veranlagung. Und genau das vermisst man in seinen letzten Werken. Auch sein aktueller Film „Savages“ hat mich nicht überzeugen können, fehlt doch darin das gewisse Etwas, um mitreißend zu sein. Aber bei Talk Radio hat er noch alles richtig gemacht und bewiesen, dass er den Mut hat, sein Maul aufzureißen und den Massen mitteilen möchte, dass da etwas nicht stimmt mit der ach so gepriesenen amerikanischen Gesellschaft…

Talk Radio gibt es als VHS und DVD. Und natürlich läuft er auch des öfteren im Fernsehen. Gut möglich, dass er bald mal wieder im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sehen ist. Dann sollte man auf jeden Fall einschalten, denn Talk Radio gehört zu den Filmen, die man sich öfter ansehen und bedenkenlos weiter empfehlen kann.

Ich gebe Talk Radio 10 / 10 Punkten