Über den Dächern von Nizza (1955)

 

USA 1955
mit Cary Grant, Grace Kelly, Jessie Royce Landis…
Drehbuch: John Michael Hayes
Regie: Alfred Hitchcock
Länge: 106 Minuten
FSK: ab 12 Jahren

Der Meisterdieb John Robie hat sich an die französische Riviera zurückgezogen und genießt dort den Ruhestand, als sich eine Serie von Diebstählen ereignet, die nach seiner Methode verübt werden. Um seine Unschuld zu beweisen, versucht Robie, den Übeltäter zu entlarven. Dabei lernt er die Amerikanerin Frances Stevens kennen und lieben, doch die Romanze findet ein jähes Ende, als die Juwelen ihrer Mutter gestohlen werden. Im Rahmen eines Maskenballs versucht Robie den wahren Dieb zu fassen und Frances zurückzugewinnen.

Es gibt durchaus Tage, in denen mein Filmgeschmack eine deutliche Wendung nimmt. Es sind Tage an denen ich nichts explodieren sehen will, Tage an denen mein Interesse an Horror, Gore oder Exploitationware sehr niedrig ist. Einfach Tage an denen ich mich an gutem alten Hollywood-Kino ergötzen kann. Leichtfüßige Unterhaltung der guten alten Zeit. Und genau an diesen Tagen kommt dann einer meiner Lieblingsregisseure zum Einsatz, Mr. Alfred Hitchcock, der „Master of Suspence“. Kürzlich war so ein Tag und ich widmete mich einem Film, den ich schon lange nicht mehr vor Augen hatte, „Über den Dächern von Nizza“ aus dem Jahre 1955. Ein stilvolles Meisterwerk voller schöner Bilder, spritzigen Dialogen, tollen Darstellern und pointierter Eleganz.

Alfred Hitchcock zählt für mich, ohne zu übertreiben, zu den besten Filmschaffenden der Kinogeschichte. Seien wir mal ehrlich, einen schlechten Film hat Hitch nie gemacht. Auch wenn es Werke in seinem Oeuvre gibt, die mit den großen Meisterwerken nicht mithalten können, so besaß jeder Film seine grandiosen Momente. Somit war der britische Regisseur immer eine sichere Bank für mich, wenn es um schnörkellose und smarte Unterhaltung geht, die von pfiffig raffiniert bis genial alles umfasst. „Über den Dächern von Nizza“ oder auch „To catch a Thief“, wie er im Original heißt und auf dem gleichnamigen Roman von David Dodge basiert, gehört sicher zu den leichtfüßigsten Filmen des Meisters. Zudem stammt er aus Hitchs „Paramount-Phase“, welche fast meine Lieblingsepoche in seiner Karriere darstellt, in der er so großartige Werke, wie „Das Fenster zum Hof“, „Vertigo“ oder „Der Mann, der Zuviel wusste“ geschaffen hat.  Mit „Über den Dächern von Nizza“ dreht er einen romantischen Film, eingebettet in eine klassische Thriller/Krimi Handlung. Die Handlung um den ehemaligen Juwelendieb John Robie, der seine Unschuld beweisen muss, indem er einem neuen Dieb eine Falle stellen will und sich dabei in die schöne Frances Stevens verliebt, ist für Hitchcock Verhältnisse eher untypisch. Die Krimihandlung dient an vielen Stellen als Motor für das eigentliche Augenmerk des Films: Die Romanze. Und hier zeigt Hitch, dass er das Filmemachen, besonders das Erzählen einer Geschichte, beherrschte wie kein anderer. Sein Fokus liegt auf den Figuren und ihre Beziehungen zueinander, jedoch verliert er die Juwelendieb-Geschichte nie aus den Augen. Damals musste man eben noch nicht alles ausbuchstabieren. Es kommt auch niemand ins Bild, der überlange Expositionen zum Besten gibt. Nein, hier lässt der Film einfach seine Charaktere agieren. Die Geschichte ergibt sich einfach aus Situationen und Dialogen und sie hat dabei einen wunderbaren Fluss. Alles wirkt aus einem Guss, es gibt keine Längen oder Holprigkeiten, womit der Film mit seinen 106 Minuten genau die richtige Laufzeit hat. Heutzutage wäre ein Streifen dieser Art wahrscheinlich 150 Minuten lang. Die Krimihandlung funktioniert gut, ist smart erzählt und bietet trotz allem einen überraschenden Twist zum Ende, den ich wahrlich nicht erahnt hatte. Man merkt im Nachhinein, wie man falsche Fährten für den Zuschauer gelegt hat, um ihn an der Nase herumzuführen. Das ist hier eleganter gelöst, als in den meisten aktuellen Produktionen. Aber das eigentlich faszinierende ist der romantische Aspekt dieser Gaunergeschichte. Die Beziehung unserer Hauptfiguren, John Robie und Frances Stevens, nimmt einen Großteil des Films ein, welche in ihrer Form eine Ausnahmeerscheinung im Hollywoodkino der 50er Jahre darstellt. Statt Frances als schmachtende Schönheit in Szene zu setzten, ist sie mit dem männlichen Part auf einer Augenhöhe. Sie ist eine, in ihrem Wesen, emanzipierte junge Frau, die ihrem Gegenüber auch mal Kontra gibt und sich nicht so einfach um den Finger wickeln lässt. Das amüsante ist, dass beide Figuren ähnliche Charakterzüge haben und beide relativ stur in ihren Taten sind. Während Robie als klassischer Einzelgänger auftritt, der in seinem Leben keinen Platz für eine Frau sieht, zeigt Frances zwar durchaus und offensichtlich Interesse an ihm. Sie macht es ihm jedoch schwer, indem sie mit ihm spielt, ihm auch mal die kalte Schulter zeigt und ihm suggeriert, dass sie kein kleines Mädchen ist, sondern eine Frau, die weiß was sie will. Robie hingegen, fühlt sich durchaus zu ihr hingezogen, leidet aber an seinem inneren Konflikt und an seinem Lebensstil. Diese ganzen Stimmungen machen eine eigene gewisse Komik aus, denn beide wollen eigentlich den jeweils anderen, können aber nicht reinen Tisch machen. So kommt es zu vielen wunderbaren Dialogen, in denen ein erstklassiger Schlagabtausch stattfindet.

Ganz besonders unterhaltsam ist die Zweideutigkeit der Dialoge. Hitchcock platziert bewusst sexuelle Anspielungen, da explizite Sprache und Handlungen damals nicht gezeigt werden durften. So reden John Robie und Frances Stevens vordergründig über das Essen und Frances erwähnt dabei, wie stimulierend es doch ist einen Juwelendieb zu fangen und fragt im Nachsatz, ob er gerne Bein oder Brust hätte, eine Metapher, da sie gerade dabei sind Hähnchen zu essen. Eine weitere schöne Szene bekommen wir in Frances Hotelzimmer zu sehen, in der ein Dialog, vordergründig, über die Juwelen stattfindet, in dem Robie kontert, diese Steine wären eine Imitation, Frances jedoch mit „Ich bin aber keine“ antwortet. Darauf küssen sich beide leidenschaftlich auf dem Sofa und es wird immer zwischen ihnen und dem draußen stattfindenden Feuerwerk hin und her geschnitten. Solche Dinge sind an vielen Stellen zu finden, was ein besonderes Schmankerl für den Zuschauer ist. Aber auch abseits dieser kleinen Finessen kann „Über den Dächern von Nizza“ glänzen, denn Hitchcock zeigt wieder einmal was für ein begnadeter Regisseur er ist. Wunderschöne Kamerafahrten, ein pointierter Schnitt und eine grandios elegante Optik zeichnen dieses Meisterwerk aus und präsentieren einen weiteren Star des Films: Die traumhafte Kulisse. Die französische Riviera bietet traumhafte Bilder und eine eigene Schönheit. Grandios fotographiert, trägt sie sehr viel zur Stimmung bei. Diese lockere Urlaubs Atmosphäre sorgt für einen Grundstock an Heiterkeit und Leichtigkeit, genau wie das sonstige 50er-Jahre Flair. Von opulenten Abendkleidern, kraftvollen Farben und eleganten Sets ist alles dabei. Besonders der Ball zum Schluss des Films ist eine wunderschöne Kulisse für die Handlung. Hier hat einfach alles Stil. Auch die Bergregionen fängt man hier gut ein, indem man Panaromaaufnahmen aus der Luft geboten kommt. Etwas Trauriges hat das Ganze jedoch. In einer Szene fahren unsere Figuren auf einer Küstenstraße zwischen Nizza und Monaco, mit Blick auf das Mittelmeer. Es ist dieselbe Straße, auf der Grace Kelly im Jahr 1982 tödlich verunglückte. Tragisch aber wahr. Wenn wir schon bei Grace Kelly sind, sollte erwähnt sein, dass ich sie einfach fantastisch finde. Eine wunderschöne Frau, die auch wunderbar schauspielert. Sie zieht die Blicke auf sich und ist einfach eine faszinierende Figur, die sowohl liebevoll und unschuldig sein kann, als auch harsch und dominant. Kelly chargiert wunderbar zwischen diesen beiden Typen. Der große Cary Grant ist ebenfalls der geborene Leading Man. Ein Hollywood-Star der alten Schule, der Esprit, Charme, Klasse und Ausdruck besitzt und Kellys Spiel wunderbar ergänzt. Zusammen bilden sie ein faszinierendes Duo, die den Film perfekt tragen. Zudem ist er ebenfalls auch in Nebenrollen exzellent und treffend besetzt. Lynn Murrays malerischer Score tut sein Übriges und verzaubert die  Szenen zu einem Gesamtkunstwerk. Wer den Film noch nicht kennen sollte und jetzt angefixt wurde, der sollte unbedingt zur Blu-Ray greifen. Diese besticht durch eine ausgezeichnete Bildqualität und den Originalton der Kinoaufführung. Eine tolle Schärfe, satte Farben und ein guter Kontrast sorgen für ein fantastisches Seherlebnis. Absolute Kaufempfehlung!

Alfred Hitchcocks „Über den Dächern von Nizza“ ist ein elegant charmanter und leichtfüßiger Krimi, der zugleich eine interessante Romanze erzählt. Garniert durch zwei grandiose Hauptdarsteller vor malerischer Kulisse, zeigt Hitch hier wieder einmal, was für ein großer Regisseur er ist. Ein traumhafter Klassiker, der die ganze Pracht des alten Hollywood versprüht und dabei glänzend unterhält.