Vampyros Lesbos: Die Erbin des Dracula (1971)

Gräfin Nadine Carody (Soledad Miranda) ist die Witwe des Grafen Dracula. Ebenfalls Vampir, hat sie einen unersättlichen Durst nach Blut weiblicher Opfer. Dazu lockt sie Frauen auf ihre einsam gelegene Insel, um sie erst zu lieben … und danach zu töten.

 

Nachdem ich mit “Jack the Ripper” durchaus meinen Spaß hatte, widme ích mich heute einem weiteren “Franco-Klassiker”, der zu den bekanntesten Werken jenes Regisseurs zählt. Unter dem Knallertitel “Vampyros Lesbos” befindet sich eine obskure filmische Erfahrung, die zwischen Trash, Sleaze und künstlerischem Ausdruck hin und her schwenkt.


Die Geschichte an sich ist eine Variation des bekannten “Dracula”-Stoffs von Bram Stoker. Die “Erbin des Dracula” wird hier in der Gestalt von Soledad Miranda dargestellt, die meist in erotischen Posen inszeniert wird. Unsere Protagonistin Linda, übernimmt quasi die “Jonathan Harker” Rolle. Auch die Figur des “Rennfield” ist integriert und in Form der “Agra” im Film zu sehen. Die Geschichte, sofern erkennbar, folgt dem gängigen Verlauf der Ursprungsgeschichte und wird nur stückweise variiert. Der Schauplatz ist nicht Ost-Europa, sondern Istanbul bzw. eine Insel im Meer. Was das wirklich interessante ist, ist die Inszenierung. Franco entfernt sich von gängigen Konventionen und präsentiert uns einen durch die Bank obskuren und bizarren Film. Realität und Traumbilder, werden konsequent vermischt und es ist nicht immer ersichtlich, was jetzt nun gerade stattfindet. Dazu gesellt sich eine wilde Bilderflut, die diverse Motive, wie Skorpione, Drachen (die, die man steigen lässt), sowie blutige Fenster zeigen. Jess Franco gestaltet den Film durchweg als surrealistischen bis psychedelischen Erotik-Film, der sich meistens damit bemüht, nackte Körper in lasziven Posen in Szene zu setzten. Franco vermischt viele Versatzstücke des Erotik-Films und des klassischen Horror-Films und schneidet das ganze assioziativ aneinander, woran man merkt das die Handlung weitaus unwesentlich sein soll, als das es um die Bilder geht, die uns der spanische Regisseur vor den Latz knallt. Somit gestalten sich die 89 Minuten Spielzeit als ziemlich anstrengend, zumindest für “Otto-Normal-Verbraucher”. Trotzdem ist “Vampyros Lesbos” neben “Jack the Ripper” oder auch “Sie tötete in Ekstase” einer seiner interessantesten Filme. Ein merkwürdig, triviales Genre-Stück, in dem Franco anscheinend Narrenfreiheit besaß. Er selbst ist in einer Nebenrolle zu sehen und auch der Cast an sich zeigt das nötigste. Schauspiel ist hier nicht wichtig. Es wird wenig gesprochen und das Casting war wohl eher auf die Körper und die Ausstrahlung der Hauptdarstellerinnen gerichtet, als auf großes Talent. Das ist auch einer der Gründe, warum der Streifen schwierig zu schauen ist. Ein großer Schmaus ist sicher der Soundtrack. Die Musik bedient sich klassischem Jazz und kombiniert ihn mit orientalischen und rockigen Einflüssen und wild anmutenden Soundexperimenten, was in einem musikalischen Potpurri mündet, welches durchaus Stimmung transportiert und wahrscheinlich 1971 zu den wohl eigenwilligsten und originellsten Scores gehörte, die es bis dato gab. Nicht umsonst wurde er in den 90ern noch einmal neu aufgelegt und zudem von Quentin Tarantino geadelt, der einzelne Auszüge in seiner Blaxploitation-Hommage “Jackie Brown” verwendete.

“Vampyros Lesbos” ist ein besonderer Film. Nicht weil er besonders gut wäre, sondern weil er eines der interessantesten Werke im Schaffen von Jess Franco ist. Quasi ein Kunstwerk des europäischen Sleaze-Films, welches lose Dracula-Variationen mit Surrealismus, einer assoziativen Bilderflut, knisternder Soft–Erotik und einem coolen Score verbindet, welches Franco durchaus Ambitionen für bizarre Unterhaltung zugesteht auch wenn der Film für Normal-Gucker sicher eine Herrausforderung ist.

Jess Francos Film, ist mittlerweile vom Index gestrichen, eine Neu-Prüfung steht noch aus. Wer den Streifen in schöner Bildqualität erleben möchte, dem sei zur VÖ von “ILLUSIONS UNLTD” geraten, dort gibt es das Werk auf Blu-Ray, entweder im Mediabook oder in der Hartbox.