Wer hat Angst vor Virginia Woolf? (1966)

Inhalt:

George (Richard Burton) und Martha (Elizabeth Taylor) sind seit 20 Jahren verheiratet. Eines Abends laden sie ihre jung vermählten Nachbarn  Nick (George Segal) und Honey (Sandy Dennis) ein. Es kommt zu einem Ausbruch der Emotionen, bei dem Lebenslügen und Frustrationen zu Tage kommen. Eine erbitterte verbale Schlacht nimmt seinen Lauf.

Filmisches Feedback:

Das Leben ist Schmerz

Die Frage ist nur, wie man mit ihm umzugehen hat. Oder wie man sein Leben lebt mit all den Schmerz, den Hass, den Lebenslügen, die Furcht, der zurückgewiesenen Liebe, der Trauer, den Tod, der Minderwertigkeit, dem seelischen Leiden. Was bedeutet es zu leben wenn man eigentlich keinen Sinn mehr darin sieht und seine Seele dem Alkohol hingibt? Was ist es noch wert zu leben? Gibt es etwas, was sich weiterhin lohnt anzustreben? Ist der Mensch doch kein so übles Wesen? Diese und allerlei andere Fragen beantwortet dieser Debütfilm von Mike Nichols nicht.

Er gibt Anregungen, gibt Versuche, aber Lösungen oder Patentrezepte sind hier fehl am Platze. Dieses Beziehungsdrama lebt von seiner einzigartigen Inszenierung. Nur 4 Personen (oder 6 wenn man genau nehmen will) und ein Handlungsort. Mehr braucht man nicht um eine aufwühlende Geschichte zu erzählen, jenseits von Sentimentalität und schnörkelloser Hollywooddramaturgie. Basierend auf einem Theaterstück schuf hier der erst 35-jährige Newcomer im Filmbusiness Nichols, ein bedrückendes, da realistisches Kleinod. Er, der vom Theater kommt (und ihm stets treu geblieben ist), weiß um was es bei einem Film ankommt: Erzählungen glaubhaft dramaturgisch darbieten und dies schafft man nur mit exzellenten Schauspielern die ihr Handwerk verstehen und verinnerlichen.

In Form von Elizabeth Taylor und Richard Burton ist Nichols hier ein Coup gelungen. Selten bis nie wieder hat man ein leibhaftiges Ehepaar sich fast selbst spielen gesehen. Die ewige Liebe der Beiden, in Realität und Filmschaffen, karikieren sie hier nicht nur. Nein, es wirkt alles fast wie eine Art Selbsttherapie der Beiden. Sie spielen nicht das sich selbst zerfleischende Ehepaar; Sie leben es. Und das ist von solch immenser Inbrunst das es schmerzt beim Zusehen. Diese Rollen sind die Rollen ihres Lebens gewesen. Punkt um. Auch George Segal und Sandy Dennis (die hierfür ja ihren Oscar bekam, genauso wie die Taylor) spielen hier am Rande der seelischen Auseinandersetzung. Obwohl, und hier der kleine Kritikpunkt den sich der Film gefallen lassen muss, Dennis eine Spur zu dumpf spielt. Bei aller Liebe zu dem Charakter, aber das war eine Spur zu „overacted“.

Das schmälert aber nicht den Film. Nichols hat danach nie wieder solch einen intensiven Film gedreht. Gute bis sehr gute ja, aber dies hier ist wohl das beste Regiedebüt aller Zeiten. Und dies erreichte er eben durch die Schauspieler und die Schlauheit, alles in schwarz/weiß zu drehen. Was für uns heutzutage lästig und nostalgisch erscheint, hatte damals nicht nur Sinn es hatte auch Wirkung. Durch das schwarz/weiße Bild können Schatten und Lichteinfall z.T. besser erstellt werden als farbige Filme. Die düstere Atmosphäre des Filmes passt sich hierdurch dem Bild an und umgekehrt. Geschickte bildliche Gestaltung lassen den Film zu einem unvergesslich, schmerzlichen  Erlebnis werden.

Wenn ein Film schon weh tut, und die unschönen Dinge im Leben anspricht (denn das müssen sie sonst ändert sich nichts), dann bitte so. Hier fing das „New Hollywood“ ganz langsam an ihre Blüten zu entfalten.

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